Advent 2018, Geschriebenes, Weihnachten, Winter

Klaus der Wichtel – Teil 1

Heute am ersten Advent beginnt die Geschichte des Wichtels Klaus und seiner singenden Tanne Alba. Dabei macht der Wichtel sich auf die beschwerliche Suche nach Alba, die ihn durch verschneites Gebiet führt, während er in Erinnerungen schwelgt.

Ich wünsche euch einen schönen Advent und hoffe, der ein oder andere hat Freude beim Lesen!

Teil 1 – Winterwunderland

Die klirrende, frostige Luft um ihn herum hätte Klaus zum Schlottern gebracht, wenn er sich nicht gegen jede Widrigkeit gerüstet und so gut wie alle Kleiderlagen trug, die sich in seinem Besitz befanden. Mit der Gründlichkeit einer Biene beim Pollensammeln durchforstete er die verschneite Landschaft, in der hier und da einige finstere Tannen emporragten, deren Äste vom Schnee beschwert nach unten hingen hinab. Die Tannenspitzen verfingen sich in den funkelnden Sternen am Himmel, durch den sich die mystischen Schleier der Nordlichter zogen.

Klaus hätte sich nur zu gerne die Zeit genommen, den Anblick in vollen Zügen zu genießen. Kurz blieb er stehen, legte seinen Kopf in den Nacken und beobachtete das Schimmern und Glänzen. Die nächtliche Beleuchtung reichte ihm vollkommen aus, um sich in dem ihm nur zu bekannten Terrain zurechtfinden zu können. Schließlich war er hier aufgewachsen, hatte aberhunderte Jahre mit der Aufzucht manch einer Tanne verbracht, während er nebenbei das Handwerk eines Spielzeugmachers in der großen Manufaktur erlernt hatte.

Dabei hatte er niemals auch nur ein Wort sprechen können. Er war ein Wichtel, der mit der Stimme der Glocken geboren wurde. Wann immer er den Mund öffnete, um irgendetwas zu sagen, erklang stattdessen nur das sanfte Klingeln eines Glöckchens. Es gab viele von ihnen, doch in seiner Sippe war Klaus der einzige, der mit dieser speziellen Eigenschaft bestückt wurde. Früher kam es oft zu Reibereien mit Gleichaltrigen, aber mittlerweile wusste Klaus, wie er sich erfolgreich zur Wehr setzte.

In all seinen Jahren als Tannenzüchter zog er eine Vielzahl Bäume in allen Größen, Breiten, Farben, Krümmungs- oder Stechgraden, ja sogar mit unterschiedlichen Duftnoten groß. Klaus pflegte sie mit rührender Hingabe, versorgte sie mit Dünger, Wasser und Licht. Ließ einer seiner Schützlinge seine Nadeln hängen, würde der Wichtel ihm fröhliche Glocken-Lieder vorsingen oder um ihn herumtanzen. In ganz besonderen Härtefällen zückte Klaus das Akkordeon, welches seit jeher in seiner Familie vermacht wurde.

Meistens tankten die Tannen dann sehr schnell wieder Energie, richteten sich auf und streckten ihre Nadeln so weit aus, wie es ihnen möglich war. Doch in einem speziellen Fall, den Klaus niemals vergessen könnte, geschah etwas absolut unerwartetes, etwas noch nie zuvor Dagewesenes.

Die bestimmte Tanne, ein besonders niedrig aber spitz gewachsenes Exemplar, hatte mit tiefer, warmer Bassstimme in seinen Gesang eingestimmt. Zudem hatte sich der Stamm der Tanne gekrümmt, wodurch der Baum im Takt hin und her wippen konnte, als würde er tanzen. Das hatte Klaus so einen Schock versetzt, dass er sein Spiel unterbrach. Aber nur solange, bis der Tannenbaum ihn mit derselben tiefen Stimme dazu aufgefordert hatte, doch bitte weiter zu musizieren.

Ein singender und tanzender Tannenbaum! Das war nicht nur für Klaus, seine Sippschaft oder gar alle Wichtel seiner Kolonie eine Neuheit gewesen, auch den Weihnachtsmann höchstpersönlich lockte die Sensation in seine zugegeben abgeschiedene Heimat. Von Stolz erfüllt stand Klaus der großen Sagengestalt Rede und Antwort – der Weihnachtsmann verstand selbstverständlich, welche Botschaften sich hinter den Glockenlauten verbargen. Der Wichtel hätte nicht abstreiten können, diese ganze Aufmerksamkeit zu genießen.

Doch auch dem Baum, dem über die Zeit zwei große Kulleraugen sowie hart gezeichnete Lippen aus dem Stamm gewachsen waren, bemerkte die Sensation, die er auslöste. Bald schon sehnte die Tanne sich danach, mehr zu sein, eine Identität zu bekommen und seine besondere Gabe mit so vielen Wesen wie nur möglich zu teilen. Daraufhin gab Klaus der Tanne den Namen Alba, doch das war der Tanne bei weitem noch nicht genug.

Albas Bewegungsfreiraum war sehr stark eingegrenzt. Klaus hatte ihn in seinem eigenen Topf eingepflanzt, mit dem die Tanne hin und her springen konnte, wie es ihm beliebte. Das forderte dem Bäumchen aber sehr viel Energie ab, da er, sollten die Sprünge nicht kräftig genug sein, umfallen und hilflos am Boden liegenbleiben könnte. Meistens hielt Alba sich in Klaus‘ Nähe auf, nur zur Sicherheit.

Doch mit der Zeit war die Tanne immer unglücklicher geworden, sein Gesang flachte ab und sein Stamm wurde beinahe stündlich starrer und holziger. Zum Reden war die Tanne schon eine Weile nicht mehr in der Lage gewesen. Ohne einen besseren Rat zu wissen, hatte Klaus sich Alba geschnappt und  eine Audienz mit dem Weihnachtsmann erbeten.

„Nun, kleiner Freund, der Tannen und Spielzeuge gleichermaßen großzieht, was führt dich heute zu mir?“, hatte der Weihnachtsmann Klaus in seinem Sprechzimmer empfangen. Es handelte sich eher um eine festlich eingerichtete Stube, in der man ebenso das Weihnachtsfest hätte feiern können. Der Weihnachtsmann saß in einem gemütlichen Sessel vor einem Kaminfeuer, trank heiße Schokolade und überragte Klaus selbst sitzend noch mit einem schier uneinholbarem Abstand.

Einige der anwesenden Wichtel hatten schnell Stuhl und Trinkschokolade für Klaus organisiert, doch dieser wollte erst ablehnen. Allerding konnte er gegen die entrüstende, beinahe aufdringliche Art der Wichtel nichts ausrichten und so fand Klaus sich in einer sehr viel komfortableren Rolle wieder. Eifrig hatte er dem Weihnachtsmann von seinen Problemen erzählt, doch auch die Freude und Liebe verkörpernde Gestalt musste erst eine nachdenkliche Miene aufsetzen.

Grübelnd strich der Weihnachtsmann sich mit geschickten aber stämmigen Fingern durch seinen bauschigen Bart. Seine Stirn hatte sich gerunzelt, tiefe Furchen zogen sich unterhalb der weißen Haarpracht durch sein Gesicht. Erwartungsvoll starrte Klaus an ihm empor, rechnete jede Sekunde mit einer Antwort, die er aber nie hören würde. Stattdessen füllten das Prasseln des Feuers und das Spielen einer Spieluhr in einem Nebenzimmer die Stille.

Bis plötzlich von draußen Musik in die gemütliche Stube drang. Ein fröhlicher Rhythmus, kreiert von Trommeln, Flöten und einem heiteren Gesang entlockte Klaus ein kleines Lächeln. Zur Überraschung des Wichtels erfreute sich auch Alba an der Musik. Augenblicklich ging es der Tanne besser, sie sprang schwerfällig zum Fenster und bog dann ihren Stamm im Takt mit.

Lachend stand auch der Weihnachtsmann auf, um das Fenster zu öffnen. Alba reagierte damit, laut mitzusingen und so die Aufmerksamkeit der gemischten Musikertruppe auf sich zu ziehen. Während Klaus nur mit seinen Beinen baumeln und zusehen konnte, winkte der Weihnachtsmann die anderen hinein. Wenig später zogen sie einer Karawane gleich in die Stube ein, immer noch ihr Liedchen spielend. Vergnügt klatschend stand der Weihnachtsmann in der Mitte des Raumes, während die Musiker mit der Tanne im Schlepptau ihre Runden zogen.

In diesem Moment wurde Klaus klar, was Alba so lange gefehlt hatte. Gesellschaft, Musik und Lachen in einem höheren Maße, als der Wichtel es ihm allein hätte geben können. Unbemerkt von den anderen schlich Klaus sich aus der Stube, ließ den singenden und tanzenden Baum einfach zurück und trat seine einsame, traurige Heimreise an.

*

Aber er sollte nicht lange alleine bleiben. Wenige Tage später erreichte Klaus ein Brief vom Weihnachtsmann persönlich, in dem er Klaus davon berichtete, dass es Alba nicht lange gut ging. Ganz im Gegenteil, die kleine Tanne soll schreckliche Sehnsucht nach dem Wichtel bekommen haben und sich schließlich davongestohlen haben, um den Weg zurück zu Klaus zu finden.

Doch die Tanne war niemals bei ihm angekommen, also machte Klaus sich seinerseits auf den Weg, um ihn in der eisigen Wildnis ausfindig zu machen. Wenn er sich nur nicht von jeder Kleinigkeit ablenken lassen würde, wie diesem Funkeln, das versteckt unter Wurzeln durch den Schnee nach oben strahlte. Es lockte den Wichtel praktisch magisch an.

Etwas sagte Klaus, dass er seine Tanne niemals in der eisigen Landschaft finden würde. Immerhin war er nicht der einzige Wichtel, der nach Alba suchte. Angestrengt versuchte Klaus, darüber nachzudenken, wo er seine Suche fortsetzen könnte, doch das sprühende Funkeln lenkte ihn so sehr ab, dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.

Ohne sich für einen anderen Weg entschieden zu haben, trugen seine Füße den Wichtel stätig in die Richtung des Baums. Seine zuvor polierten Stiefel sanken bei jedem Schritt weiter in die tiefe Schneedecke ab. Den wahren Boden darunter konnte Klaus schon gar nicht mehr spüren, als er sich schließlich nur noch einen Herzschlag von der funkelnden Fläche am Boden entfernt befand.

Das prickelnde Gefühl, Alba auf jeden Fall nur im Zusammenhang mit dem Funkeln finden zu können, überkam Klaus. Gleichzeitig erinnerte er sich an die große Macht, die die größte Sagengestalt ihrer Welt über die Wichtel hatte. Es wäre ein Leichtes für ihn gewesen, Klaus einen Schubs in die richtige Richtung zu geben. Er wusste doch bestimmt schon längst, wo Alba sich befand, denn er, der Weihnachtsmann, wusste alles. Zumindest war Klaus davon fest überzeugt.

Als er noch einen letzten Blick nach hinten richten wollte, sein Zuhause hätte er so oder so nicht mehr erspähen können, dachte Klaus einen Augenblick lang, er könnte den Weihnachtsmann sehen. Eine große, füllige Person mit einem Mantel in der Farbe der Weihnachtssternblüte, dessen Kapuze er übergezogen hatte. Wenn der Weihnachtsmann sich Klaus nun genähert hätte, hätte er den langen Zipfel der Kapuze durch den Schnee gezogen und eine feine Spur darin hinterlassen.

Aber die Figur verschwand mit einer Schneewehe. Stattdessen spürte Klaus nun eine Hand an seinem Rücken, die ihn eindeutig in die Richtung der funkelnden Fläche schob. Der Wichtel ließ es zu und sobald er auf das Leuchten trat, spürte er, wie er in einen scheinbar unendlichen Abgrund fiel.