Advent 2018, Geschriebenes, Weihnachten, Winter

Klaus der Wichtel – Teil 2

Im zweiten Teil erwacht Klaus der Wichtel, der sich auf der Suche nach Alba dem singenden und tanzenden Tannenbaum befindet, in der Menschenwelt. Dort lauern zahlreiche Gefahren, aber auch eine unerwartete Freundschaft auf ihn.

Teil 2 – Wissen sie überhaupt, dass Weihnachten ist?

Mit dem Gesicht gen Boden gerichtet erwachte Klaus gemächlich mit dem Tempo einer Schnecke wieder zu sich. Doch noch bevor der Wichtel seinen Dämmerzustand abgestreift hatte, wünschte er ihn sich wieder zurück. Es war Nacht, glaubte Klaus, denn es war dunkel. Aber es war nicht nur dunkel, gleichzeitig war es hell. Zum Bedauern des Wichtels glich das Licht im Dunkel weniger dem sanften Funkeln der Sterne, sondern vielmehr einem grellen Leuchten. Klaus hatte so etwas noch nie gesehen und konnte es dementsprechend mit nichts vergleichen.

Er lag auf einer Kreuzung, nass vor zu Matsch gewordenem Schnee, finster und hart. Was Klaus unter sich spürte, war ganz bestimmt kein Waldboden. Auch das Parkett des Weihnachtsmanns oder ihrer eigenen Hütten war nicht so rau, so zerschlissen. Die Straße wirkte wie ein Flickenteppich, unzählige Fehler wurden wiederholt ausgebessert und trotzdem zogen sich tiefe Furchen durch die Oberfläche.

Intensiv sah Klaus sich alles so genau wie möglich an. Rings um ihn herum, wenn auch mit einigem Abstand, reichten dicht an dicht gebaute Häuser hoch in den Himmel. Wesen, die eher dem Weihnachtsmann als den Elfen ähnelten, gingen emsig ihrer Wege. Sie starrten auf kleine, flache Platten in ihren Händen, die ihnen ins Gesicht strahlten. Klaus nahm an, diese Wesen fürchteten sich in der Dunkelheit und bräuchten ein Licht, das sie führt.

Zufrieden stellte Klaus fest, sich bei seinem Sturz, wenn er denn wirklich durch den funkelnden Schnee gefallen war, nicht verletzt zu haben. Er konnte jeden Arm und jedes Bein schütteln, auch seine spitz zur Seite laufenden Ohren waren intakt. Einzig seine Kleidung hatte etwas Schmutz abbekommen, aber das nichts, dass ein wenig Wichtelzauber nicht beheben konnte.

Gerade, als Klaus seine Aufmerksamkeit auf die Flecken seiner Mütze und seines Wollpullovers richten wollte, ergoss sich plötzlich ein taghelles Licht um ihn herum. Klaus sah irritiert nach oben und in die Richtung der Lichtquelle – oder besser der Lichtquellen. Ein metallener Kasten auf Rollen steuerte geradewegs auf den Wichtel zu. An  seiner Vorderseite waren Lampen angebracht, deren Kegel  Klaus so sehr blendeten, dass er nichts anderes mehr wahrnehmen konnte.

Erst, als ein ohrenbetäubendes Hupen aus dem Kasten zu hören war, wurde Klaus sich der Gefahr, in der er sich befand, bewusst und er sprang so schnell er konnte aus der Bahn. Der Wichtel konnte nicht lange ausruhen, denn schon näherte sich das nächste blecherne Gefährt. Allmählich dämmerte es dem Wichtel, wo er sich befand.
In der Welt der Menschen.

Verwundert sah Klaus sich ein weiteres Mal um. Für diese Zeit des Jahres hatte er bedeutend mehr Schmuck und Dekorationen erwartet. Immerhin stand das Weihnachtsfest so gut wie vor der Tür, doch mit Ausnahme der fahrenden Kisten, die Klaus langsam als Autos erkannte, Laternen und riesigen Leuchtreklamen, die über Bildschirme flackerten, sorgte nichts für Beleuchtung. Auch konnte Klaus keine festliche Musik hören. Irgendwo in diesen monströsen Gebäuden stand wohl ein Fenster offen, doch das, was daraus ertönte, hatte mit Liedern kaum Gemeinsamkeiten.

Träumend hatte Klaus den Blick gen Himmel gerichtet. Die Lichter um ihn herum waren so grell, dass er keinen Stern und auch nicht den Mond erkennen konnte. Langsam machte der Wichtel sich Sorgen, wie er wohl wieder in seine Heimat zurückkehren könnte, wenn er Alba wiedergefunden hatte.

„Mama, guck mal, eine laufende Puppe!“, quiekte eine Stimme, die Klaus wieder aus seinen Gedanken riss. Der Wichtel starrte den wohl ersten Menschen, der ihn bislang entdeckt hatte, entgeistert und schockiert an. Gekleidet in einem weißen Mantel, die Haare zu zwei Zöpfen geflochten und kaum größer als Klaus zeigte das Mädchen ebenso verwundert auf ihn.

Ihre Mutter, die gedankenlos die freie Hand des Mädchens hielt, sah kaum von der leuchtenden Platte in ihrer Hand auf, als ihr Blick für den Bruchteil einer Sekunde zu Klaus huschte. Der Wichtel befürchtete bereits, die hochgewachsene Menschenfrau würde in Panik verfallen und so laut schreien, dass sie die Aufmerksamkeit des gesamten Stadtteils auf sie ziehen würde. Allerdings entwich ihr nichts mehr, als ein trockenes, mit desinteressiertem Staub überzogenes Grummeln. Dann gehörte der Löwenanteil ihrer Aufmerksamkeit wieder diesem Ding in ihrer Hand.

Das Mädchen störte sich nicht daran. Es sprang aufgeregt auf und ab, zerrte dabei am Ärmel ihrer Mutter und zeigte unentwegt auf den Wichtel. „Ich will auch so eine! Bekomme ich so eine zu Weihnachten?“, forderte sie in einem schrillen, überhaupt nicht bittenden Ton.

„Aber du wolltest doch einen Hund haben, oder nicht?“, murrte die Mutter. Daraufhin entbrannte ein Streit zwischen dem Mädchen und der Frau, den Klaus nicht mit ansehen wollte. Er rannte los, ohne aufzupassen, wo er überhaupt hinlief.

Bald bemerkte das Mädchen Klaus‘ Abwesenheit. Sie schrie und weinte bitterlich, die Reaktion der Mutter war kaum zu hören, dafür scheuchte die Kleine einige Hunde auf, die bellend auf das Heulen antworteten. Angst wanderte erst schleichend, dann hetzend Klaus‘ Rücken hinunter. Der Wichtel hatte keine Orientierung, rannte einfach und rempelte dabei mehrere Personen an, die ihn mit großen Augen ansahen. Klaus war falsch gebaut, um von ihnen als Kind verwechselt zu werden, doch der Wichtel sah es ihnen an, dass kaum einer von ihnen an magische oder verwunschene Wesen glaubte.

Keuchend kam der Wichtel an einer wenig beleuchteten Gasse vorbei. Er haderte einen Moment, doch dann lief Klaus geradewegs hinein. Keine gute Entscheidung, wie er nur wenige Sekunden später bemerkte. Leuchtende Katzenaugen starrten ihm entgegen und Klaus konnte hören, wie sie ihre Krallen ausfuhren. Der Wichtel wollte etwas zu seiner Verteidigung, zur Beschwichtigung sagen, doch das Glockenklingeln provozierte die Katzen nur noch mehr.

Wahrscheinlich hatte die Meute bereits geschlafen, vermutete Klaus. Er hatte einige Verwandte, die alles andere als friedlich reagierten, wenn man sie weckte. Anders konnte Klaus es sich nicht erklären, dass die Katzen sich fauchend auf ihn stürzten. Mit ausgestreckten Krallen sprangen sie von ihren Schlafplätzen auf Mülleimern und Fensterbänken auf ihn hinab.

Nur knapp konnte Klaus ausweichen, roch den schweren Geruch, der aus ihren Mündern kam. Sein Herz pochte unerträglich schnell, doch der Wichtel hatte keine Wahl. Erneut lief er, ohne an ein bestimmtes Ziel denken zu können, zurück auf den Weg, von dem er kam. Dieses Mal zog er deutlich mehr Aufmerksamkeit der Passanten auf sich, immerhin folgte ihm ein gutes Dutzend Straßenkatzen, während er so schnell es ihm eben möglich war vor ihnen weglief.

Einige der Menschen riefen erboste Wörter, die Klaus noch nie gehört hatte. Dann flogen leere Büchsen, alte Gummibälle und andere Dinge auf den Wichtel und seine Verfolger hinab. Das stachelte die Katzen nur noch mehr an, doch Klaus hatte allmählich genug von der Menschenwelt. Wie soll Alba das bloß überstanden haben?

Klaus rannte länger, als er überhaupt dachte, im Stande zu sein, nur um in einer Sackgasse zu landen. Umringt von überfüllten Abfallcontainern und mit einer Wand im Rücken, deren Oberfläche zu glatt zum klettern war, blickte der Wichtel in die Gesichter der Katzen. Schwach wurden sie von einer flackernden Laterne beleuchtet.

Einen Moment lang war Klaus versucht, erneut mit den Tieren zu kommunizieren. In seiner Heimat war es kein Problem für ihn, mit den Wesen des Waldes oder der beinahe unendlichen Schneefelder zu reden. Auch mit einem Fisch aus dem eisigen Wasser hatte er mal eine Unterhaltung geführt, aber Klaus lernte daraus nur, lieber nicht mehr mit Wasserbewohnern zu reden.

Doch bevor der Wichtel die Chance dazu hatte, trat aus einer der Türen, die fast vollständig mit Mülleimern zugestellt waren, eine Frau heraus. Das Licht der Laterne reflektierte sich in ihren kreisrunden Brillengläsern und um sich vor der kalten Winternacht zu schützen trug sie bloß eine Wolljacke, die sie dicht um sich gewickelt hatte.

„Ver… Verschwindet von hier, ihr Straßenkatzen!“, rief sie, erst schüchtern, dann mit mehr Nachdruck. Als die Katzen sich nicht rührten oder wenn überhaupt, bloß träge ihren Kopf in die Richtung der Frau wandten, zog sie einen ihrer Hausschuhe aus und warf ihn nach der Meute.

Die Katzen stoben fauchend auseinander. Ihre Augen funkelten die Frau böse an, als sei sie eine unfaire Spielverderberin. Manche von ihnen schenkten dem Wichtel ein letztes, bedrohliches Fauchen, dann verschwanden die Katzen in allen möglichen Winkeln und Ecken.

Auf einem Bein hüpfend machte die Frau sich auf den Weg zu ihrem Hausschuh, der achtlos auf dem Boden lag. Klaus beobachtete sie genau. Sie trug unter der Wolljacke bloß einen Pyjama, ihre Haare hatte sie zu einem wenig schicken aber funktionellen Dutt hochgesteckt. Sie roch ganz entfernt nach Vanille und machte insgesamt nicht den Eindruck, eine Bedrohung zu sein.

Als sie wieder in ihren Schuh schlüpfte und normal über den kalten aber glücklicherweise nicht vereisten Boden gehen konnte, näherte sie sich vorsichtig Klaus. „Na, wer bist du denn? Hast du dich verlaufen?“, fragte sie. Ihre Stimme war sanft und zart. Klaus‘ Wangen liefen vor Verlegenheit etwas an.

Reflexartig antwortete er und der Klang der Glocken entlockte der Frau einen überraschten Laut. „So etwas habe ich ja noch nie gesehen!“, entfuhr es ihr. Sie stand vor Klaus und reichte ihm eine Hand. „Warum kommst du nicht erst einmal herein? Du bist von dieser Hetzjagd bestimmt erschöpft. Ich habe euch von meinem Fenster aus beobachtet. Ich mache dir auch eine heiße Schokolade!“

Klaus konnte nicht anders, als zu lächeln. Das Angebot einer heißen Schokolade konnte er noch nie ausschlagen.