Advent 2018, Geschriebenes, Weihnachten, Winter

Klaus der Wichtel – Teil 3

Heute ist bereits der dritte Advent und Weihnachten nähert sich schnellen Fußes!

Im dritten Teil hört der Wichtel Radio, kann sich nicht mit seiner Retterin unterhalten und erfährt endlich, wo sich seine geliebte Tanne befindet. Doch kann Klaus Alba wirklich mit nach Hause bringen?

Teil 3 – Der glücklichste Weihnachtsbaum

Wohltuend bahnten sich vorsichtige Schlucke der heißen Schokolade Klaus‘ Hals hinunter. Die Rezeptur der Frau schmeckte weniger süß als die gängige Variante seiner Heimat, aber der Wichtel hatte keine Probleme, sich damit anzufreunden. Mindestens ebenso leicht fiel es ihm, freundliche Gefühle für seine junge Retterin zu entwickeln.

Die Frau hatte Klaus in der Küche warten lassen, da der Raum laut ihr der einzige war, den sie im Moment einem Gast hätte präsentieren können. Die Ausstattung schien zwar alt, dafür in sehr gutem Zustand zu sein. Neben einigen Schänken, einem Ofen und einem Kühlschrank befand sich auch ein Tisch mitsamt passenden Stühlen im Raum. Die Möbel waren größtenteils aus Holz gebaut worden.

Mittlerweile hatte sie sich umgezogen und den plüschigen Pyjama mit zerschlissenen Jeans und einem viel zu großen Pullover ausgetauscht. Auch ihre Haare hatte sie sich gekämmt, sodass Klaus sie im ersten Moment kaum erkannt hatte. Sie saß ihm gegenüber, trank langsam aus ihrer Tasse und beobachtete den Wichtel dabei so genau wie möglich.

„Ich wüsste zu gerne, wer du bist und wo du herkommst. Was ist es, das dich hierher gebracht hat? Wieso wurdest du von diesen Katzenbiestern verfolgt?“, löcherte sie den Wichtel erneut mit Fragen. Sie nahm sich etwas von dem Spekulatius, den sie zuvor auf einem mit Sternen verziertem Teller platziert hatte.

Zu gerne hätte Klaus ihr geantwortet, doch sein Glockenklingen hätte die Menschenfrau sowieso nicht verstehen können. Die Frau deutete die Stille des Wichtels falsch, hielt sich erschrocken eine Hand an den Mund. „Du weißt ja gar nicht, wer ich bin, und ich stelle dir so viele Fragen. Das tut mir leid!“

Klaus blinzelte die Frau an und spürte, wie ihn eine Unruhe überkam, da er sich doch eigentlich auf der Suche nach seiner Tanne Alba befinden sollte.  Gleichzeitig redete die Frau munter weiter auf den Wichtel ein: „Mein Name ist Noelle, ich wohne noch gar nicht so lange hier. Wenn du etwas über mich wissen willst, sag es nur!“ Noelle lächelte einladend, doch eigentlich wollte Klaus nichts Weiteres über sie wissen.

Im Hintergrund dröhnte leise eine Radioanlage, auf deren digitaler Anzeige das Wort „Regionalsender“ stand. Klaus wunderte sich gerade, was denn ein Regionalsender sein sollte und warum es Lieder gab, die sich nicht um das Weihnachtsfest drehten, da ertönte eine schrille Melodie aus Glöckchen und Fanfaren, die wohl jedermanns Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Darauf folgte ein tiefer Bass-Gesang, den Klaus auch durch die kratzig klingenden Lautsprecher zu gut erkannte.

Alba sang im „Regionalsender“, es war bloß eine Strophe eines verträumt romantischen Lieds. Darauf folgte die penetrante, fordernde Stimme eines Mannes: „Nur in dieser Stadt! Seht euch Alba, den singenden und tanzenden Weihnachtsbaum an! Zu jeder vollen Stunde im Goldregen, dem Einkaufscenter ihres Vertrauens!“

Aufgeregt sprang Klaus von seinem Stuhl, der dabei in Wanken geriet und beinahe umfiel. Auch Noelle stand auf, wenn auch eher aus Schreck und um das Möbelstück wieder zurechtzurücken. Aber der Wichtel kümmerte sich in keinster Weise darum, er starrte nur das Radio an, während noch ein weiteres Mal Albas Gesang zu hören war. Bestürzt musste Klaus feststellen, wie traurig die Tanne eigentlich klang.

Als die Werbung endete, hüpfte Klaus aufgebracht vor dem niedrigen Schrank, auf dem das Radio in der Küche stand, und wedelte dabei wild mit seinen Armen. Noelle umkreiste den Küchentisch, um zu Klaus zu gelangen. „Diese Werbung läuft jetzt schon den ganzen Tag, mindestens einmal in der Stunde. Wenn ich nur wüsste, warum dich das zu aufbringt!“, sagte sie. Nun sah Klaus, das auch Noelle so eine dünne, rechteckige Platte hatte, deren Oberseite aufleuchtete, wenn die Frau bestimmte Knöpfe drückte.

Mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit tippte Noelle auf das Gerät ein. Neugierig legte Klaus seinen Kopf in den Nacken, aber er konnte nicht erkennen, was sie da genau machte. Bis Noelle schließlich ein überraschtes aber glückliches „Aha!“ von sich gab und sie Klaus die Platte, die der Wichtel nun als einen Bildschirm erkannte, hinhielt.

Klaus war nicht sonderlich gut im Umgang mit der menschlichen Schrift, also konnte er nicht lesen, was auf dem knallbunten Bildschirmausschnitt stand. Aber die Fotos von Alba erkannte der Wichtel umso besser. Erneut sprang Klaus auf und ab, dabei gab er aufgeregte Laute von sich, die dem Klang einer von ungeduldigen Gästen geläuteten Glocke glichen.

„Ruhig, ruhig, ich verstehe doch kein Wort! Willst du dort hin? Hast du etwas mit diesem Baum zu tun?“, löcherte Noelle weiter. Ihr sanftes Erscheinungsbild und der Glanz in ihren Augen ließen keinen Zweifel daran, dass sie eine durch und durch herzensgute Person war. Dennoch wunderte Klaus sich, wieso die Menschenfrau unentwegt Fragen stellte, wenn sie doch wusste, dass sie keine für sie verständliche Antwort bekommen würde. Bis auf ein Nicken seitens Klaus, aber eine wirkliche Unterhaltung konnte so doch niemand führen.

Um seinen Willen dennoch irgendwie zu bekräftigen, klatschte Klaus zweimal in die Hände, dann begann er, im Stand zu tanzen. Dazu sang er, was bei Klaus zu einem Glockenspiel unterschiedlicher Tonlagen wurde. In seiner Heimat hatte er deswegen immer nur im Hintergrund mitsingen dürfen, aber auch dort hatte Klaus immer gestrahlt.

Noelle schlug ihre Hände auf ihre Wangen und ihre Augen leuchteten noch etwas mehr. „Das klingt ja wunderbar! Du kannst also auch singen, wenn auch auf deine Weise. Willst du, dass ich dich dorthin bringe? Es ist gar nicht so weit, wenn wir mein Fahrrad nehmen!“, schlug sie vor.

Glücklich sprang Klaus in die Luft, griff nach Noelles Händen und schüttelte diese, solange er sich oben halten konnte. Die Frau und der Wichtel strahlten sich lächelnd an, dann zog Noelle sich Schuhe sowie eine dicke Jacke an. Klaus befürchtete, seine neugewonnene Freundin könnte wegen ihrer Hose an den Beinen frieren, aber Noelle machte keine Anstalten, sich eine intakte Hose ohne Löcher oder Risse anzuziehen.

Noelles Fahrrad stand ebenfalls in der Gasse, in die die Katzenmeute Klaus getrieben hatte. Die Überzahl an Mülltonnen hatte das Rad gut verborgen, doch es kostete nun einige Mühe, es aus seinem Versteck zu hieven. Klaus wollte Noelle zwar helfen, doch die junge Frau schaffte es auch so alleine. Ohne Vorwarnung beugte Noelle sich hinunter, um den Wichtel hochzuheben. Klaus war so überrascht, er hatte keine Gelegenheit dazu, sich zu wehren oder zu widersprechen.

Der Wichtel passte gerade so in den Fahrradkorb. Seine Beine hingen vorne über und Klaus befürchtete, leicht hängen zu bleiben, sobald er aufstehen würde. „So, halt dich gut fest, ich fahre jetzt los, kleiner Freund!“, verkündete Noelle, ehe sie sich auf den Fahrradsattel schwang. Reflexartig krallte Klaus sich mit einer Hand am Korb fest , die andere versuchte, seine Mütze davon abzuhalten, im Fahrtwind verloren zu gehen.

Sie erreichten das Einkaufszentrum sehr viel schneller, als Klaus es erwartet hatte. Noelle hatte schnell und kraftvoll in die Pedale getreten und sicherlich nicht jede Verkehrsregel befolgt, was ihnen viel Unmut der anderen Menschen einbrachte. Aber die junge Frau kümmerte das nicht, sie hatte ihr Ziel gehabt und dieses mit allem verfolgt, dass sie hatte.

„Schnell, geh du schon rein, ich mache das Fahrrad fest und werde dich schon finden!“, sagte Noelle, die kein bisschen außer Atem war. Sie half Klaus wieder aus dem Fahrradkorb. Nachdem der Wichtel ihr dankbar zugenickt hatte, lief er auf das übergroße, hell erleuchtete Gebäude zu.

Klaus konnte den Eingang gar nicht verfehlen, denn außer ihm drängten sich noch unzählige weitere Menschen hinein. Die Lichter, die Gerüche, die unterschiedlichen Melodien, die alle auf den Wichtel einhämmerten, brachten diesen für einen Moment aus dem Gleichgewicht. Um ihn herum wuselten die Menschen, so wie Klaus es von den Wichteln der Manufaktur kannte. Aber die Menschen überragten den Wichtel allesamt, was ihn sehr einschüchterte.

Ängstlich wollte Klaus sich am Boden zusammenkauern und einfach nur warten, bis es vorbei war. Doch dann hörte er aus dem Stimmen- und Musikgewirr heraus einen Klang, der sich deutlich vom Rest abhob. Albas Gesang, der irgendwie von unten zu Klaus drang und ihn nun wie ein Lichtstrahl im Dunklen führte.

Der Wichtel fand eine Treppe, die sich bewegte. Die Menschen darauf kamen ihm entgegen, ohne selbst einen Schritt zu tun. Aber Klaus ließ sich davon nicht beirren und die Menschen bemerkten ihn so oder so erst, wenn es zu spät war. Er drängte sich an ihnen vorbei, zwischen ihren Beinen durch, wenn er musste. Seine tanzende und singende Tanne war irgendwo dort unten und wartete vielleicht nur auf Klaus.

So viele Erwachsene sich auf der oberen Etage drängten, so viele Kinder fand Klaus nun hier unten. Sie flüsterten aufgeregt durcheinander, ein Grundrauschen, das Albas Gesang aber nicht übertönen könnte. Hektisch sah der Wichtel sich um. Es war ein wenig dunkler, die Geschäfte dort unten hatten größtenteils geschlossen und nur einzelne Lampen und Lichterketten spendeten Licht.

Klaus folgte irgendwann einfach nur dem Klang der Bassstimme, drängte sich an den Kindern vorbei, die den Wichtel, so hoffte er, nicht wieder für ein lebendiges Spielzeug hielten. Beinahe die ganze untere Etage hatte Klaus durchquert, ehe er endlich zu einer festlich ausgeschmückten, beinahe grellen Bühne kam. Auf ihr stand Alba, der gequält tanzte und mit träger Stimme sang. Als Klaus sich der Tanne noch weiter nähern und die Bühne hinaufklettern wollte, wurde er von einem Mann gepackt.

„Was hat denn ein Wichtel hier verloren?“, raunte der Mann hasserfüllt. Sein Atem stank furchtbar und er verzog das Gesicht zu einer Fratze. Die buschigen Augenbrauen verdeckten seine Augen beinahe und Klaus könnte schwören, irgendwelche Essensreste in dem ungepflegten, dunkelgrauem Bart des Mannes zu erkennen.