Advent 2018, Geschriebenes, Weihnachten, Winter

Klaus der Wichtel – Teil 4

Morgen steht er an, der Heiligabend. Zu dieser besinnlichen Zeit des Jahres, die doch für viele in Stress und Hektik ausartet, ist es wichtig, sich auch einmal einen Moment für sich selbst zu nehmen. Sei es mit einer Tasse Tee oder Kaffee, mit einem Buch oder vielleicht einer Spielekonsole, allein oder in Gesellschaft. So, wie man sich eben am wohlsten fühlt!

Ich wünsche euch mit diesem vierten Teil von „Klaus der Wichtel“ einen schönen vierten Advent und freue mich schon auf den Abschluss, den ich euch morgen präsentieren werde.

Teil 4 – Krampus

Klaus erschauerte, während er die Visage vor sich genauestens betrachtete. Der Wichtel konnte kein Wort – oder kein Klingeln – hervorbringen, schluckte nur und ruderte etwas mit Armen und Beinen, als der Mann ihn hochhob. Für Klaus bestand kein Zweifel daran, den Mann zu kennen, aber die Fassade von Bart und Augenbrauen war nicht das Gesicht, welches er kannte.

„Du versperrst den Kindern den Weg. Außerdem hast du bei meinem Goldbäumchen nichts verloren“, grollte der Mann. Achtlos schleuderte er Klaus weg und drängte sich selbst wieder aus der Menge Kinder heraus. Der Wichtel konnte nur vor einem Sturz bewahrt werden, da zwei Jungen ihn mehr oder weniger bewusst auffingen.

Ohne sich zu bedanken versuchte Klaus augenblicklich, wieder zur Bühne zurück zu kommen. Er würde nicht zulassen, dass dieser Mann Alba für seine Zwecke ausbeutete. Das auch noch unschuldige Menschenkinder involviert waren, wollte der Wichtel ebenfalls nicht einfach so hinnehmen.

Auch nicht, als er im Vorbeigehen flüchtig das Mädchen erkannte, welches ihn zuvor auf offener Straße als lebendiges Spielzeug bezeichnet hatte. Als ihre Augen sich trafen, setzte das Mädchen sich schon mit offenen Armen in Bewegung. Zwar hätte Klaus sie gerne gemieden, aber das Mädchen befand sich natürlich auf seiner direkten Route zur Bühne.

Glücklicherweise hatte Noelle Klaus endlich wiedergefunden. Anfangs hatte sie den Wichtel nur vom Rand des Geschehens beobachtet, doch nun mischte sie sich mutig ein. Ohne zu zögern drängte Noelle sich zwischen den Wichtel und das Mädchen, welches schon nach ihm greifen wollte.

„Weg da! Das ist mein Spielzeug, meins allein!“, fauchte die Kleine. Sie stemmte ihre Hände in ihre Hüften und legte ihren Kopf in den Nacken, um Noelle auch ja so angsteinflößend wie möglich anstarren zu können.

Doch die junge Frau ließ sich davon nicht beeindrucken. Schützend stand sie vor Klaus, den sie gleichzeitig weiter in Albas Richtung trieb. „Für wen hältst du dich denn? Er ist ein Lebewesen und kein Gegenstand! Nur, weil du denkst, du magst ihn, hast du doch keinen Anspruch auf ihn“, konterte sie.

Das Mädchen blähte die Backen, welche tiefrot anliefen, auf. Ihr war anzusehen, wie sehr sie brodelte und wie es ihr auf der Zunge brannte, eine möglichst verletzende Antwort zu finden. Dazu tippte sie auch noch mit ihren Füßen auf den Boden. Nur Klaus, den hatte die Kleine zwischenzeitlich völlig vergessen.

Bevor das Mädchen dazu kam, Noelle etwas an den Kopf zu werfen, baute sich erneut der Mann mit dem dunklen Bart auf. Diesmal griff er nach Noelle, die er an einem Oberarm packte. „Noch mehr Eindringlinge! Dann werde ich keine andere Wahl haben, ich fange einfach jetzt schon an. Und auch wenn du kein Kind bist, Menschenfrau, wirst du die Erste sein!“

Noelle zitterte merklich, Klaus wirbelte sich zu den beiden herum und Alba sang wie in Dauerschleife. Sein Gesang erinnerte mittlerweile an einen Spielzeugroboter, dessen Batterien langsam die Kraft verloren und deswegen seine Stimme träge verzerrten.

In Zeitlupe beobachtete Klaus, wie Noelles Lippen sich bewegten. Sie fragte wohl, womit sie die erste sein sollte, doch dann war es schon zu spät. Über der Schulter des dunklen Bärtigen erschien ein Sack, welcher dem des Weihnachtsmanns nicht unähnlich war. Der Mann öffnete ihn, hob Noelle an und warf sie kopfüber hinein. Gierig verschlang der Sack die Frau, ohne seine Form seinem Inhalt anzupassen.

Einige der Kinder, welche nicht mehr von Albas Gesang und Tanz fasziniert waren, schrien schockiert auf. Das zog natürlich noch mehr Aufmerksamkeit auf sich und als der Tannenbaum bemerkte, dass ihm kaum noch jemand zuhörte, sackte er erschöpft in sich zusammen.

Panisch sprang der Wichtel auf und ab. Sein Kopf wirbelte hin und her, zwischen dem dunklen Bärtigen und Alba. Der Mann begann währenddessen  damit, die Kinder eins nach dem anderen einzusammeln und in dem Sack verschwinden zu lassen. An seiner Größe gemessen hätten höchstens zwei Kinder hineingepasst, wenn man Noelle nicht mitrechnen würde.

Klaus war sich mittlerweile bewusst, mit wem er es zu tun hatte. Den es gab nur ein Wesen, welches diese Art von Magie anwenden könnte: Knecht Ruprecht. Der Knecht hatte in verschiedenen Teilen der unterschiedlichen Dimensionen jeweils andere Namen, doch seine Aufgabe war an sich immer identisch gewesen. Ihm wurde vom Weihnachtsmann aufgetragen, unartige Kinder einzusammeln, und diese wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Häufig wählte der Knecht dafür gewaltsame Methoden, weshalb der Weihnachtsmann ihm eines Tages diesen Lebenszweck weggenommen hatte.

Doch damit wurde der Existenz des Knechts kein Ende gesetzt. Was er damit bezwecken wollte, überstieg Klaus‘ Vorstellungskraft. Doch das war auch gar nicht so wichtig, schließlich befand er sich nur kurze Zeit später allein mit dem Knecht und seinem Weihnachtsbaum in der dunklen unteren Etage des Einkaufszentrums.

„Dein Auftauchen hat meinen Plan ganz schön durcheinander gebracht. Schäm dich, du Wichtel! Wie heißt du überhaupt?“, zischte der Knecht. Als er keine Antwort vom stummen Klaus erhielt, spukte der Knecht verächtlich auf den Boden. „Sei es drum! Ich habe keine Lust mehr auf diese fleischliche Hülle!“, verkündete er.

Wie warmes Wachs verlief das Gesicht des Knechts, nur Augenbrauen und Bart blieben erhalten. Als der Knecht sich wieder zusammensetzte, war seine Haut blassblau, auf seinem Kopf sprießte eine ungepflegte, schwarze Mähne und anstelle unauffälliger Menschenkleider trug er nun ein dunkelblaues, aus Samt gearbeitetes Gewand. Seine Stiefel waren mit einer dicken, festgetrockneten Schlammschicht überzogen. Unhöflich hauchte der Knecht dem Wichtel seinen übel riechenden Atem direkt in die Nase.

„Nun, Wichtel gehören zwar auch nicht zu meiner Zielgruppe, aber ich will mal nicht so sein. Du hast doch bestimmt schon Sehnsucht nach deinen dreckigen Menschenfreunden, oder, du abgebrochener Zwerg?“ Der Knecht lachte boshaft auf und griff nach Klaus, um auch diesen in seinen Sack zu stecken, der prinzipiell wie ein Teleporter funktionierte. Im besten Fall würde der Wichtel direkt zu den Kindern und Noelle gebracht werden.

Panisch zappelte Klaus, um des Knechts Griff zu entwischen. Ruprecht war weniger füllig als der Weihnachtsmann, aber umso kräftiger und auch gewalttätiger. Der Wichtel sah sich schon wegtransportiert werden, als sein Blick flüchtig die umgefallene Tanne streifte. Alba musste von dem Knecht geschmückt worden sein, denn plötzlich zierten Lichterketten und Glaskugeln seine immergrünen Zweige. Doch Klaus hatte ihn noch nie so unglücklich und unzufrieden gesehen; es zerriss ihm das Herz.

Angestachelt von der Sorge um seinen Freund tankte der Wichtel neue Kraft. Mit einem Ruck riss er sich von Knecht Ruprecht los, musste aber ein Stück seines Mantels einbüßen. Die restlichen Fetzen hingen an den Schultern des Wichtels hinab, aber davon ließ Klaus sich nicht irritieren.

„Na warte, du kleines Ungeheuer wirst schon sehen, was du davon hast, dich mit mir anzulegen!“, grollte der Knecht erneut. Wieder fuhr er seine unvorhersehbare Pranke nach dem Wichtel aus, doch Klaus duckte sich gekonnt weg und machte einen großen Satz in Richtung der Bühne. Laut trampelnd folgte ihm Knecht Ruprecht, der sich diese Niederlage nicht bieten lassen wollte.

Flink flitzte Klaus über eine steile Holztreppe hinauf zu Alba. Die Tanne rüttelte sich kurz, als sie den Wichtel bemerkte, gab aber keinen Mucks von sich. Durch die Bewegung der Äste fielen einige der Glasdekorationen herab, um am Boden zu unzähligen Scherben zu zersplittern.

„Ich habe dich, es gibt für dich kein Entrinnen! Hör schon auf, dich zu wehren, du kommst sowieso nicht gegen den großartigen  Knecht Ruprecht an!“, brüllte er. Der Knecht baute sich auf und wirkte furchterregender, als jeder Alptraum, der Klaus jemals geplagt hatte. Seltsam angewinkelt ragten die Arme des Knechts wie verdorrte Äste zur Decke empor, die Holzplanken der Bühne splitterten unter den schweren Schritten und wenn Klaus sich nicht irrte, triefte Speichel aus den Mundwinkeln des Knechts in dessen Bart hinein.

Ängstlich aber nicht vollkommen eingeschüchtert beugte Klaus sich schützend über Alba. Er wollte dem Knecht sagen, er solle die beiden in Ruhe lassen. Doch wieder klingelten nur liebliche kleine Glöckchen, die nichts von Klaus‘ Entschlossenheit und Beschützerinstinkt wiedergaben.

Fies lachend warf der Knecht den Kopf in seinen Nacken. „Armes Ding! Kannst wohl nicht sprechen, mh? Dummerweise verstehe ich dieses Gebimmel auch nicht, also kannst du so viel betteln und winseln, wie du willst! Du kommst in den Sack und dieses Bäumchen wird  bis in alle Ewigkeit kleine Plagen für mich anlocken!“

Zitternd wie Espenlaub klammerte Klaus sich an Alba. Mit großen Augen beobachtete er, wie sich Ruprechts Hand näherte. Alba zitterte gemeinsam mit dem Wichtel, doch der Baum versuchte, Klaus Mut zuzusprechen. Jemand würde sie schon retten. Ganz bestimmt.

Und Alba sollte Recht behalten, denn genau, als Knecht Ruprechts Fingerspitzen Klaus‘ Wangen streiften, wurde die Pranke von einer Zuckerstange getroffen und abgewehrt. „Du bist deiner selbst viel zu sicher, Ruprecht. Deine Existenz ist doch schon seit Jahrhunderten von deinem bösen Handwerk befreit worden!“, rief der Weihnachtsmann, welcher von weiteren Wichteln umringt aus einem Kreis von Licht erschien.

Der Knecht knurrte und spukte Worte aus, die Klaus noch nie gehört hatte. „Ich schätze, du bist derjenige, der sich überschätzt hat!“, zischte Ruprecht dann. Anstelle nach Klaus zu greifen, stülpte er dann einfach den Sack über den Wichtel und das Bäumchen, um sie mit einem Schwung darin verschwinden zu lassen.