Advent 2018, Geschriebenes, Weihnachten

Klaus der Wichtel – Teil 5

Zu Beginn: Ich wünsche allen ein frohes Fest im Kreise ihrer Lieben!

Dann findet nun die Kurzgeschichte „Klaus der Wichtel“ mit diesem fünften Teil ihren Abschluss. Doch es ist, wie es wohl bei den meisten beim Schreiben ist. Man lernt die Charaktere, egal ob namenlos oder nicht, mehr und mehr lieben und beginnt, im Kopf herumzuspinnen, was man wohl noch so alles machen könnte. Eine Fortsetzung, egal aus welche Weise, ist also möglich 🙂

Teil 5 – Loblied der Glocken

Nach einem schier unendlichen Purzelbaum, bei dem Klaus sich häufiger überschlug, als ihm lieb war, landete der Wichtel mit dem Rücken zuerst und Kopfüber an einer steinernen Wand. Blinzelnd und mit verschwommener Sicht versuchte Klaus zu verstehen, was passiert war, nachdem der Weihnachtsmann versucht hatte, den Wichtel vor Knecht Ruprecht zu beschützen. Der mürrische und arbeitslose Gehilfe des Nikolauses hatte es trotzdem geschafft, seinen magischen Gegenstand über Klaus und Alba zu stülpen und sie fort zu teleportieren.

Alba. Schlagartig kam Klaus zu sich, um sich überstürzt nach dem Tannenbaum umzusehen. Nach und nach erkannte der Wichtel, dass er sich allein in einer Höhle befand und er kein Anzeichen von Alba, Noelle oder der entführten Kinderschar entdecken konnte. Nur kurz versuchte Klaus sich vorzustellen, was der Knecht mit seinen Geiseln vorhatte.

Da aber keiner dieser Gedanken zu einem erfreulichen Ergebnis führte, konzentrierte der Wichtel sich darauf, jemanden wiederzufinden. Schließlich musste er nicht nur Alba davor bewahren, so lange zu tanzen und zu singen, bis ihm alle Nadel ausfallen würden. Nein, Klaus muss sich auch um die Sicherheit der Menschen kümmern.

Die Höhle war bloß spärlich beleuchtet und mündete in einen Gang, der ebenso dunkel zu sein schien. Klaus griff nach einer kleinen Fackel, die an der Wand angebracht war, um sich seinen Weg durch das unbekannte Terrain zu leuchten.

Wie Klaus bald merkte, war er nicht alleine auf den Gängen unterwegs. Der Wichtel begegnete einigen der Kinder, denen er im Einkaufszentrum begegnet war. Diese waren teils verstört, teils ungeahnt mutig. Allesamt schlossen sie sich dem Wichtel an, denn sie glaubten daran, gemeinsam stärker zu sein. Klaus hatte bereits ein Dutzend Kinder um sich versammelt, doch von Noelle und Alba fehlte noch jede Spur.

Bis jemand aus ganzem Herzen seinen Namen rief und Klaus dazu brachte, sich um seine eigene Achse zu drehen. Es war Noelle, die ebenfalls einige Kinder mit sich brachte. Überschwänglich hob die junge Frau den Wichtel hoch, umarmte ihn und wirbelte mit ihm herum, ehe sie ihn wieder absetzte. „Ich bin so unbeschreiblich froh, dich zu sehen! Du kannst dir nicht vorstellen, was ich für eine Angst hatte. Und die Kinder erst! Das ist so ein Albtraum. Was war das für ein Ungetüm?“

Wahrheitsgemäß stellte Klaus den Knecht und seine ehemalige Tätigkeit vor. Doch Noelle sah ihn als Reaktion auf das Klingeln der Glöckchen bloß verwundert an. Augenblicklich und etwas verärgert verstummte Klaus wieder. Sollte er häufiger mit Menschen zu tun haben, musste er ihnen unbedingt beibringen, wie sie ihn verstehen konnten.

„Ach, was soll’s. Viel wichtiger ist es, dass jetzt nur noch ein Mädchen sowie der singende und tanzende Tannenbaum fehlen. Hast du eine Ahnung, wo sie stecken könnten?“, fragte Noelle. Während Klaus sich noch wunderte, dass Noelle die Kinder überhaupt auseinanderhalten konnte, schüttelte er mit dem Kopf. Dann fiel es ihm aber ebenfalls auf. Es fehlte ausgerechnet noch das Mädchen, welches den Wichtel als Spielzeug gesehen hatte.

Als vereinte Truppe setzte die Gruppe ihren Weg zügig fort. Die Pfade zogen sich durch grauen Stein und hier und da zweigten kleine, verlassene Höhlen ab. Es war kalt, furchtbar kalt. Den Kindern standen beim Atmen kleine Wolken vor ihren Gesichtern und teilweise rotteten sie sich zittern zusammen. Klaus beobachtete allerdings, wie sie sich untereinander trösteten und Mut machten.

Ihr Zug durch das Höhlensystem sollte erst vor einer verriegelten Tür aus Metallstreben enden. Noelle rüttelte so kräftig sie konnte daran, aber die Absperrung wollte nicht nachgeben. „Vielleicht sollten wir umkehren“, sagte eines der Kinder. „Ja! Hier gibt es doch bestimmt mehr Wege“, stimmte ein anderes zu. Wieder ein anderen begann zu weinen: „Ich habe solche Angst!“

„Aber, aber, beruhige dich“, sagte Noelle tröstlich. Sie ging zu dem Mädchen, umarmte es kurz und rieb ihr den Scheitel. „Ich bin mir sicher, wir kommen hier unbeschadet raus. Noch vor dem Abendessen!“ Noelle kicherte zwar, aber sie konnte das Mädchen nicht überzeugen. Im Gegenteil, eins nach dem anderen brachen weitere Kinder in Tränen aus.

Ihr weinen klingelte Klaus in den Ohren, die er zwecklos versuchte, mit seinen Händen abzuschirmen. Als Wichtel reagierte er heftig darauf, wenn es jemandem in seiner Umgebung nicht gut ging. Manche Wichtel wurden dann selbst untröstlich, andere setzten Himmel und Hölle in Bewegung, um den Betroffenen wieder aufzumuntern. Wieder andere, so wie Klaus, bekamen einfach nur unerträgliches Ohrensausen. Es würde nicht lange dauern, dann-

Schon war es passiert, Klaus klappte zusammen wie ein Campingstuhl und ging zu Boden. Dabei verlor er auch noch die Fackel, welche glücklicherweise niemanden traf, aber dafür einfach erlosch. Mit nur noch einem Licht, welches von Noelle an eines der größeren Kinder weitergegeben wurde, stand die Gruppe beinahe im Dunkeln.

Ein bösartiges Lachen, welches auch die weinenden Kinder verstummen ließ, rüttelte Klaus wieder wach. Der Wichtel rieb sich den Kopf und zerzauste dabei sein dunkelblondes Haar. Irgendwo musste er seine Mütze verloren haben. Aber das war nebensächlich, denn bald begriff Klaus, dass sie, mit der verschlossenen Türe im Rücken, vom Knecht eingekesselt wurden.

„Was soll denn dieser Zwergenaufstand!“, grollte er, „Ab mit euch, zurück in die Höhlen. Ich habe viel mit euch vorm da sollt ihr euch nicht schon verausgaben, während ihr hier herumstreunert. Und du, Wichtelchen, du bist jetzt mein Lakai! Her mit dir!“ Knecht Ruprecht trug eine lange Stange mit sich, an dessen gebogenem Ende eine Laterne befestigt war. In deren Innern leuchtete ein magisches Licht, welches bei jeder Bewegung leicht flackerte.

Aufgebracht versperrte Noelle dem Knecht, der gut und gerne das doppelte ihrer Masse hatte, den Weg. „Nichts da, hier ist niemand dein Lakai! Lass und gefälligst gehen, du Ungetüm!“, sagte sie und bemerkte erst hinterher, dass sie ihre Worte mit mehr Bedacht hätte auswählen können.

Zornig holte der Knecht mit der Laterne aus. Bei diesem Schwung hätte er Noelle ohne Frage schwere Verletzungen zufügen können. Schwach rappelte Klaus sich auf, um die junge Frau wegzustoßen und so in Sicherheit zu bringen. Der Hieb mit der Laterne verfehlte sein Ziel, doch Knecht Ruprecht wurde nur noch wütender.

„Ihr Biester! Mein Plan war so genial, so unvergleichlich! Aber jetzt habe ich den Baum und den Schlüssel verloren, von dem Aufstand meiner Gefangenen mal ganz abgesehen“, murrte er. Er holte zu einem weiteren Schlag aus, den Klaus dieses Mal nicht so einfach hätte abwenden können.

Klaus zuckte zusammen, rechnete fest mit Schmerz und Trauer und der Angst der Kinder, doch dies alles blieb aus. „Knecht Ruprecht, du gehst zu weit“, tadelte eine tiefe, aber gütige Stimme. Klaus drehte den Kopf zur verschlossenen Streben-Tür, hinter welcher der Weihnachtsmann stand. In einer Hand blitzte ein Schlüssel auf, unter dem anderen Arm trug er Alba, der freudig zappelte, als er den Wichtel erkannte.

„Nicht du schon wieder! Natürlich musst du auftauchen und mir einen Strich durch die Rechnung machen! Aber wartet es nur ab, ich werde schon noch zum Zug kommen. Weihnachten kehrt jedes Jahr wieder!“, knurrte der Knecht. Er stieß das untere Ende auf den Boden, sodass aus der Laterne Funken stoben. Diese Funken tanzten um den Knecht herum, vervielfältigten sich ins Unermessliche und verschlangen Ruprecht schließlich.

Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr Klaus, der nicht glauben konnte, dass es so schnell vorbei sein sollte. Kurz darauf hörte er das Klicken des Schlüssels im Schloss, welches ihre Freiheit bedeutete. „Ho Ho Ho, das war keine Drohung, sondern ein Versprechen. Selbstverständlich kehrt Weihnachten jedes Jahr wieder und wenn es sein muss, werde ich mir nun jedes Jahr etwas einfallen lassen, um den Knecht aufzuhalten“, sagte der Weihnachtsmann. „Aber jetzt raus mit euch, ihr Menschenkinder. Und auch ihr, junges Fräulein und Klaus, du Wichtel, der auf der Suche nach einem Freund so viel durchmachen musste!“

Sie folgten dem Weihnachtsmann, der sie kurz hinter der Tür aus Metallstreben eine Treppe hinaus in die Freiheit führte. Das Licht der Sterne empfing sie und Klaus brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass sie sich gar nicht weit weg von seinem Heimatort befanden.

Während der Weihnachtsmann die Kinder zusammentrommelte, um sie auf ihrem Schlitten zurück nach Hause zu bringen, verabschiedete Noelle sich von Klaus. Sie umarmte den Wichtel erneut fest. „Ich habe mich sehr gefreut. Es ist schade, dass wir jetzt, da ich deinen Namen kenne, wieder getrennt werden. Sag, ist es möglich, dass wir uns eines Tages erneut begegnen werden?“

Klaus antwortete in seiner Glockenstimme und dieses Mal musste Noelle lachen. „Ich bin mir sicher, du wolltest Ja sagen!“, kicherte sie. Winkend ging sie ebenfalls zum großen Schlitten, dessen goldene Verzierungen sanft glänzten.

„Werdet ihr alleine zurechtkommen? Niemand wird den Kopf oder die Nadeln hängen lassen?“, erkundigte sich der Weihnachtsmann. Klaus und Alba sahen einander ohne Worte an, doch dann nickten sie beide. Das Band zwischen ihnen war gewachsen, der Wichtel hatte nun eine Ahnung, was es war, das dem tanzenden Baum all die Jahre gefehlt hatte.

Vom Boden aus winkte Klaus dem fliegenden Schlitten hinterher. Er hatte einen Arm um Alba gelegt. Zwar wurde der Wichtel von Knecht Ruprechts Drohung, wiederzukehren, eingeschüchtert, doch davon wollte er sich nicht unterkriegen lassen.

Lächelnd kehrte Klaus gemeinsam mit Alba zurück nach Hause. Der Baum würde singend und tanzend durch die Stube ziehen, während Klaus sich an die Arbeit machte, um eine Bühne für ihn zu bauen.
Er ahnte ja nicht, welche Überraschungen noch auf ihn warten sollten.